Die Germanen

Wie viele andere Völker haben auch die Deutschen eine doppelte Geschichte: eine uralte, vergangene und eine noch vorhandene. Von der vergangenen Geschichte sind bei uns noch einige Denkmäler und Andenken erhalten; wir finden sie hauptsächlich in unseren Bergen und unter der Erde - zum Teil auch in dunklen Sagen, die sich aus einer verschwundenen Vorwelt zu uns herüber gerettet haben.

Als die Römer unsere Urahnen vor über 2.000 Jahren zuerst kennen lernten, waren diese nicht mehr wild und ungebildet, sondern hatten schon die ersten Schritte zu einer Kultur getan. In ihrer Verfassung, in ihrer Religion, in ihren Sitten und Einrichtungen deutete einiges auf einen Zustand früherer Bildung hin. Aber Naturkatastrophen fegten über das damalige Deutschland hinweg und zwangen die frühen Einwohner fort zu ziehen. Nur wenige sind geblieben, um hier sesshaft zu bleiben.

Im Rheintal, das auf der einen Seite von den Vogesen und auf der anderen Seite vom Schwarzwald gesäumt wird, trifft man auf wunderschöne Erscheinungen. Da sehen wir hohe Felsen von Fluten zerrissen und dazwischen Überreste von Pflanzen, die sonst nur in südlicheren Gegenden vorkommen. Wir finden Knochen einer unbekannten Tierwelt und Muscheln, die wie in kleinen Grüppchen auf dem Meeresgrund daliegen. Dann Korallen, die noch nicht losgerissen wurden vom Felsen, auf dem sie gewachsen sind und große, versunkene, verkohlte Palmenwälder. Mehrere Stellen an den riesigen Felsenwänden in den Vogesen sind oben geebnet und mit Mauern umgeben und an den Felsen befinden sich große eiserne Ringe - ein Zeichen, dass hier eins Seehäfen waren und Schiffe landeten. Auf einigen hohen Kuppen des Schwarzwaldes, die jetzt nicht begehbar sind und wo kaum eine dunkle Tanne wächst, sind Spuren ehemaliger Siedlungen. Viele Sagen, die von Dichtern und Schriftstellern der Griechen bewahrt wurden, machen diese Orte umso unheimlicher oder bezaubernder.

Nach diese Sagen hätte Herkules den Ölbaum an der Quelle der Donau gefunden und nach Griechenland gebracht; auf den rätischen Alpen wäre Prometheus zuerst ansässig gewesen, bevor es ihn auf den asiatischen Kaukasus verschlagen habe - und dort hätte ihn die Tochter des Oceanus besucht. Diese Sage ergibt einen Sinn, wenn man das Historische von der Dichtung trennt: Als gewaltige Fluten die Ebenen und niedrigeren Höhen überschwemmten, rettete Prometheus das Feuer auf die Alpen; und so entstand das mythische Märchen, als habe er das Feuer vom Himmel gestohlen. Nach einer mündlichen Überlieferung griechischer Priester wurden im Tempel des Apollo in Delos uralte, geheimnisvolle Geschenke aufbewahrt, die nordische Völker dort hin gebracht hatten - und nordische Mädchen auf Wallfahrt sangen dort die ersten Orakel.

Historisch erwiesen ist, dass lange zuvor - noch bevor die Römer an den Rhein vordrangen - die Phönizier, das größte Handelsvolk der alten Welt, diesen Fluss gekannt und an der Mündung des Rheins in die Nordsee den Bernstein geholt haben. Sogar die Erzählung, die von diesem "Bernsteinland" handelt, ist nicht vollständig erfunden. Darin heißt es, der Weg zu den Bernstein-Inseln führe durch ein Meer voll Schrecknissen und Gefahren, und wenn man sie alle glücklich überwunden hat, so gelange man zu einem ungeheuer hohen Felsen, der jeden weiteren Weg versperre und von dem der Urquell des Ozeans herabstürze. Die Phönizier erzählen aus dieser Zeit, dass die Nordsee bis an das Siebengebürge bei Bonn reichte und der Rhein bei Bingen durch eine ungeheure Felsenwand geschlossen war. Über diese Wand floss er und stürzte mit aller Wucht daran herab.

Vergleicht man diese Überlieferungen mit den vielen Herkules-Säulen und Bildern an beiden Rheinufern oder mit den Ruinen des Sonnentempels im Elsass oder mit einigen anderen Denkmälern, deren Entstehung bis weit vor die Römerzeit datiert werden, so wird man einige Sagen und Dichtungen mit anderen Augen betrachten. Demnach könnte zu ganz früher Zeit ein nomadischen Volk durch das Steigen der Gewässer vertrieben worden sein und entlang der Berge bis auf die Alpen gestiegen sein. Dort fand es einen gebildeteren Stamm vor und erhielt von diesem Unterricht in Ackerbau und Religion. Diese Kenntnisse trug es dann vielleicht zu verschiedenen Zeiten in das nördliche Asien bis nach Indien und schließlich auch nach Ägypten, wo sie tiefere Wurzeln schlugen und zu religiösen Geheimnissen ausgebildet wurden.